Die meisten kennen Rolf Eden als Prahler – der einstige Nachtclubbesitzer aus Berlin, der nur zu gern erzählt, dass er mit mindestens 100 Frauen im Bett gewesen ist. Doch es gibt auch eine andere Seite, die der 81-Jährige bisher noch nicht so aggressiv in die Öffentlichkeit getragen hat. Regisseur Peter Dörfler hat darüber einen Dokumentarfilm gemacht, der auf der Berlinale seine Weltpremiere feierte. Nach „The Big Eden“ wird man den waschechten Berliner, der mit sieben Frauen sieben Kinder in die Welt setzte, garantiert mit anderen Augen sehen. Wir durften Eden in seinem Charlottenburger Büro vorab auf den Zahn fühlen.
Ricore: Herr Eden, mit „The Big Eden“ wurde Ihnen jetzt ein eigener Film gewidmet, der auch noch auf der Berlinale uraufgeführt wurde. Das muss Ihrem großen Ego doch mehr als nur schmeicheln?
Rolf Eden: Ja, ich bin sehr stolz darauf, und die Berlinale war natürlich der Höhepunkt. Es handelt sich ja um einen Dokumentarfilm, und ich war selbst erstaunt, wie authentisch er geworden ist. Jeder der Interviewten wie meine Freundin Brigitte, die Ex-Geliebten oder meine Kinder durften frei und offen ihre Meinung über mich sagen. Regisseur Peter Dörfler hatte nur ein Problem: Es gab keinen, der schlecht über mich gesprochen hat.
Ricore: Weil Sie keine Feinde haben?
Eden: Es gibt sicherlich welche, aber die kenne ich nicht.
Ricore: Im Film wird uns Rolf Eden so vorgestellt, wie ihn keiner kennt. Ist Ihnen so viel Nähe überhaupt recht?
Eden: Natürlich! Was die Leute sowieso schon über mich wissen, muss man nun nicht auch noch in einem Film verbraten. Es kommen viele Dinge zum Vorschein, was man mit mir nicht sofort in Verbindung bringen würde.
Ricore: Zum Beispiel, dass Sie Jude sind und die hebräische Sprache beherrschen, weil Sie mit Ihrer Familie 1933 sofort nach der Machtergreifung der Nazis Deutschland den Rücken kehrten ...
Eden: Ja, und das auch gleich mit der ganzen Familie, nicht nur meine Eltern, sondern auch Onkel, Tanten, Cousins. So wurde in unserer Familie keiner geschädigt, und für mich war es eine schöne Zeit, in Palästina aufzuwachsen. Doch sobald ich erwachsen war, wurde mir das Land zu klein. Man kann da nicht viel anstellen, und eigentlich wollte ich immer nach New York. Aber ich hatte Schwierigkeiten mit dem Visum, und so landete ich für einige Jahre in Paris.
Ricore: Doch dann hatten Sie Heimweh nach Ihrer Geburtsstadt Berlin?
Eden: Nee, an Berlin hatte ich überhaupt keine Erinnerungen mehr. Ich war gerade mal drei, als wir Deutschland verließen. Was mich lockte, war ein Artikel in einer französischen Zeitung, in dem stand, dass jeder Berliner, der zurückkommt, von der Regierung 6.000 Mark bekommt. Das war in den 1950ern so viel Geld, dafür hätte man ein Auto kriegen können. Also nahm ich die erste Bahn, obwohl ich gar nicht vorhatte, lange zu bleiben. Berlin war mir so fremd wie Alaska.
Ricore: Was hat Sie gehalten?
Eden: Es war sehr zerbombt, und am Kudamm gab es statt Häuser überall Autoverkaufsplätze. Trotzdem gefiel mir irgendetwas. So traf ich die Entscheidung, zu bleiben, und fing als Barkeeper in einer Ami-Bar an. Mir wurde aber schnell klar, dass ich mich selbstständig machen musste. Es fehlte etwas in Berlin, und die Lokale, die es gab, machten viele Fehler.
Ricore: Was für Fehler?
Eden: Die waren alle noch wie 1936 eingerichtet und es wurde alte Volksmusik gespielt, was nichts für junge Leute war. Schöne Cocktails wurden auch nicht serviert, und so suchte ich mir eigene Räumlichkeiten zum Pachten. Meine erste Bar, den Eden-Saloon, eröffnete ich am Kurfürstendamm, Ecke Nestorstraße, wo heute ein Baumarkt ist. Damals war es noch verpönt, dass Frauen hinter der Bar stehen, aber das war mir egal.
Ricore: Trotzdem: Sie mussten doch eine ungeheure Wut auf Deutschland gehabt haben?
Eden: Okay, sechs Millionen Menschen umzubringen ist keine Kleinigkeit, und die Deutschen haben es bis heute nicht verdaut, und das zu Recht. Zu mir waren aber alle immer nett, zuvorkommend und anständig. Ich hatte nie Anfeindungen erlebt. Wut kannte ich nicht, weil ich mir überhaupt keine Gedanken darüber machte, was zwölf Jahre zuvor passiert war. Damit hatte ich nichts zu tun gehabt, weil ich auch nicht betroffen war und auch keinen meiner Verwandten verloren hatte.
Ricore: Sie haben es aber auch nie nach außen getragen, dass Sie Jude sind ...
Eden: Das war mir überhaupt nicht wichtig! Ich bin nach Deutschland gekommen, wie ich in jedes andere Land reisen würde. Es herrschte eine Aufbruchsstimmung, und ich lernte gleich von Anfang an sehr hübsche Damen kennen.
Ricore: Waren Sie schon immer ein Draufgänger gewesen?
Eden: Also ich war gegenüber Frauen noch nie schüchtern gewesen, aber ich gebe zu, dass es auch Mädels gab, die nein sagten. Aber ich hatte schon sehr viele Erfolge, besonders, nachdem ich den Ruf bekam, Deutschlands Playboy Nr. 1 zu sein. Schon damals hatte ich das Talent, mich sehr gut inszenieren zu können.
Ricore: Sie brauchen es also, im Mittelpunkt zu stehen ...
Eden: Aber wie! Ich bin ein Showman und richtig pressegeil! Es gibt dreieinhalb Millionen Bewohner in Berlin, und über wen wird geschrieben? Das sind nur ganz wenige, und Rolf Eden gehört dazu. Das ist doch toll!
Ricore: Wie definieren Sie Playboy für sich?
Eden: Ein Playboy ist ein Mann, der den Frauen gefällt. Ihm gefallen die Frauen auch, und er führt ein schönes Leben, weil er sich alles leisten kann, immer gut gekleidet ist und die Frauen ausführen kann. Bereits 1966 hatte ich schon meinen ersten Rolls-Royce und kaufte mir in Dahlem eine Villa. Das war für Frauen ganz wichtig, vielleicht früher mehr als heute.
Ricore: Aber es gibt doch nicht nur das Materielle ...
Eden: Charme gehört natürlich dazu, wie auch das Weltmännische, viel zu kennen und Damen die schönsten Plätze der Erde zu zeigen. Ich habe nie eine Frau gekauft nach dem Motto: ‚Hier hast du 1.000 Mark, schlaf mit mir!‘ Das wäre gegen mein Ego gegangen, ich wollte die Frauen ja erlegen. Das ist noch heute so: Ich komme irgendwo hin und viele Mädels wollen Rolf Eden, den Playboy, kennenlernen.
Ricore: Wird Ihre Lebensgefährtin Brigitte nie eifersüchtig?
Eden: Das sagt und zeigt sie mir nicht, aber ich weiß natürlich, dass sie es ist. Sie ist fantastisch, deshalb lebe ich auch mit ihr. Sie ist wirklich die erste Frau, mit der ich unter einem Dach richtig zusammenlebe. Dennoch haben wir noch ein Extrazimmer, und sie hat nichts dagegen, wenn ich da andere Frauen mitbringe.
Ricore: Dürfte sie auch einen anderen Mann mitbringen?
Eden: Natürlich, ich würde mich freuen. Sie soll ihren Spaß haben, natürlich nur sexuell.
Ricore: Sie stehen zu Ihren etlichen Schönheitsoperationen. Gibt es trotzdem etwas, was Ihnen am Älterwerden gefällt?
Eden: Ja, ich habe mir den Hals und die Augen machen lassen, weil ich mich liebe und jung aussehen möchte. Das Schöne am Älterwerden ist, dass man nicht älter ist. Das steht zwar auf dem Kalender, aber in Wirklichkeit fühle ich mich überhaupt nicht alt. Ich habe keine Wehwehchen und fühle mich so gut wie immer, und solange das so ist, genieße ich es. Mit 90 werden wir weitersehen.
Ricore: Der Tod macht Ihnen keine Angst?
Eden: Der Tod ist doch genauso, wie geboren werden. Ich hoffe nur, dass ich nicht leiden muss. Es sollte von einer Sekunde zur anderen sein, und am liebsten, wenn ich gerade auf einer Frau liege. In meinem Testament ist verfügt, dass diejenige 250.000 Euro erbt, bei der ich beim Sex sterbe.
Ricore: Gibt es denn etwas, was Sie traurig macht?
Eden: Ich brauche auf keinen Fall Trauer, sondern will nur schöne Sachen erleben. Selbst als meine Mutter bei einem Autounfall starb, war ich nicht traurig. Es hat wehgetan, aber ich war nicht traurig, weil ich mir sagte, so ist das Leben.
Ricore: Obwohl Sie in Ihrer Jugend viel Grausames erleben mussten, als Sie im ersten Arabisch-Israelischen Krieg als Soldat kämpften?
Eden: Es herrschte ja Krieg, entweder werde ich erschossen oder ich erschieße andere. Wir haben nicht gesehen, wen wir erschossen. Ich kann mich erinnern, dass wir auf einen Berg gestiegen sind, um die Araber von dort zu vertreiben. All meine Kameraden wurden erschossen, nur ich hatte Glück gehabt, weil ich durch Hitze und Hunger in Ohnmacht gefallen bin. Ein anderes Mal saß ich als Begleitschutz auf einem Laster, der Lebensmittel nach Jerusalem transportierte. Plötzlich wurden wir angegriffen, und unser Fahrer wurde dabei erschossen. So blieb es an mir, den Wagen weiterzufahren.
Ricore: Warum sind das Geschichten, die man erst heute von Ihnen erfährt?
Eden: Es hat nichts mit Verdrängung zu tun, aber warum soll ich darüber sprechen? Ich halte alles von mir fern, was unschön ist. Das ist zwar nicht immer einfach, aber ich mache es so. Schon deshalb gehe ich auf keine Beerdigung.
Ricore: Wie sehen das Ihre sieben Kinder?
Eden: Ich freue mich, dass ich die Kinder habe, aber es ist nicht so, dass wir ein richtig enges Verhältnis habe. Mit meiner ältesten Tochter verstehe ich mich gut, und auch mit meinem jüngsten Sohn. Alle anderen habe ich erst gesehen, als sie 13, 14 oder 15 waren.
Ricore: Was würden Sie anders machen, wenn Sie nochmals ganz von vorn anfangen dürften?
Eden: Ich würde mein Leben genauso leben, denn ich hatte so viel Glück gehabt. Einen anständigen Beruf habe ich nie gelernt. Okay, ich hätte Gynäkologe werden können, um Damen unten zu betrachten (lacht). Aber so konnte ich das machen, was ich wollte, und das mit Erfolg.
Ricore: Herr Eden, kann es sein, dass Sie sich deshalb das äußere Image des ewigen Playboys aufgebaut haben, um Ihre innere Sensibilität zu schützen?
Eden: It’s Showtime!
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